Corona-Tagebuch

Ende gut, fast alles gut

Tagebuch 5 und Aus!

Terror in Wien, steigende Corona-Zahlen, Lockdown – die Stimmung heben all diese Ereignisse ja nicht wirklich. Da bin ich dann irgendwie froh, dass unsere familiär solidarische Covid-19-Erkrankung halbwegs glimpflich verlaufen ist. Seit dem Wochenende sind wir alle offiziell gesund. Bedeutet, dass wir uns frei bewegen dürfen. Frei ist gut, denn jetzt haben wir den Lockdown – also gibt es auch für uns Menschen mit Antikörpern kein „Halligalli“ am Abend.

In Sachen Quarantäne hat‘s den Liebsten am Schlimmsten erwischt. 31 Tage durfte er unser Haus nicht verlassen. Zwischen Hausarrest und Lockdown hatte er einen Abend Ausgang. Da musste er klarerweise raus. Daher gingen wir in das Lokal unseres Freundes und haben nach dem ersten Glas Wein die ersten furchtbaren Videos vom Terroranschlag am Handy angesehen.

Der Große brachte es auf insgesamt 22 Tage Absonderung. Er durfte zwischendurch in die Schule. Ob er sich dort angesteckt hat oder doch bei uns (geht sich rein wissenschaftlich betrachtet eigentlich nicht aus) werden wir wohl nie erfahren. Was wir sehr wohl übermittelt bekommen haben, ist die Corona-Erkrankung seines Freundes. Die Hintergründe dazu sind uns erst seit gestern Abend bekannt. Das kam so: Wir hatten schon furchtbare Sehnsucht nach unseren lieben Freunden aus dem Wienerwald und deshalb eine Online-Party vereinbart. Kurz vor 22.00 dann die Überraschung. Der Sohn eines der beiden befreundeten Paare sprang plötzlich ins Bild und verkündete: „Ich bin positiv“. Stille am Bildschirm, dann große Aufregung. Der 14-jährige wurde rein zufällig anlässlich eines Film-Castings getestet. Kurz darauf die nächste Überraschung. Die Ansteckung erfolgte über unseren Sohn. Wie das geht? Ganz einfach: Indem sich einer eine Limonade beim Discounter kauft und die Freunde trinken mit. Vorsicht in Zeiten einer Pandemie? Abstand halten? Hände waschen? Klar, daran haben die Teenager gedacht. Aber das Trinken aus einer Flasche haben die Jungs als Infektionsquelle nicht erkannt. Die Pubertät nimmt offenbar nicht nur am Körper junger Menschen Veränderungen vor, sondern vorübergehend auch im Gehirn. Nach diesem Geständnis holten wir unseren Teenager aus seiner Jugendzimmer-Höhle und fragten ihn, wie das denn passieren konnte. Darauf meinte er: „War wohl nicht so intelligent“. Nein war es nicht. Fazit: Drei weitere Familien in Quarantäne, drei bestätigte Covid-19-Fälle. Die übrigen Mitglieder der drei Familien warten auf das Testergebnis bzw. machen sich morgen auf den Weg in die Teststraße.

Corona-Teststraße – Drive-in

Wir hingehen sitzen auf unserem hübschen Heurigentisch (der tolle neue Esstisch, den wir vor sechs Wochen bestellt haben, verweilt noch in Italien und darf vermutlich wegen der Pandemie nicht ausreisen) und spielen Activity. Das ist vor allem deswegen lustig, weil das Team Göttergatte/Teenager künstlerisch eher zum Abstrakten neigt. Zeichnet einer der beiden, dann ist das so, als würde Mondrian behaupten, in seinen Bildern könne man Hasen, Regenschirme oder Autos erkennen. Diesmal ging es um einen Engel. Der Teenager zeichnet mit Begeisterung, der Göttergatte rätselt: „Totenkopf-Falter? Gespenst?“ Verloren haben der Kleine und ich trotzdem.

Während die Buben kaum Symptome und noch weniger Nachwirkungen der Covid-19-Infektion aufweisen, erholen sich mein Mann und ich nur langsam. Der Göttergatte hustet nächtens, sodass ich manchmal kurz davor bin, die Rettung zu rufen. Ob seine Lunge einen nachhaltigen Schaden erlitten hat, wird hoffentlich die Pneumologin nächste Woche herausfinden. Meine Gliederschmerzen haben sich auch nur marginal verbessert. Zink-Tabletten und ein Saft zur Stärkung des Immunsystems sowie die Vitamine A, B, C und D nehmen wir seit Monaten zu uns. Der Göttergatte schluckt all das eher widerwillig. Letztens warf er mir vor, ich würde ihn mit dem gesamten Alphabet vergiften.

Noch ausfälliger wurde der Liebste, als die Lieferung Globuli bei uns im Wienerwald eingetroffen ist. Voller Hoffnung habe ich die Hochpotenzen aus dem Kuvert gezogen und die dazugehörige Anleitung studiert. Kurz darauf war klar: Bryonia sind für mich, denn die helfen bei großem Durst, Müdigkeit und Gliederschmerzen. Phosphorus bekommt der Göttergatte. Laut Betriebssystem heilen diese Kügelchen Husten und Heiserkeit. Außerdem sollen sie wirken bei Verlangen nach kalten Getränken (Bier). Warum man dagegen Arzneimittel benötigt, hätte ich eigentlich auch hinterfragen können. Für den Kleinen habe ich dann die Globuli namens Gelsemium vorgesehen. Diese Kügelchen heilen angeblich Nervosität und Erwartungsspannung. Also perfekt für Kinder, die einen überdurchschnittlichen Bewegungsdrang haben. Der Teenager wollte gleich alle Packungen auf einmal einwerfen, weil da eh nur Zucker drin ist.  Deswegen durfte er dann auch kein einziges Kügelchen haben.

Die Einnahme dieser homöopathischen Medizin gestaltete sich etwas kompliziert. Laut Anleitung darf man zehn Minuten vor und zehn Minuten nach dem Schlucken der Globuli nicht trinken und nicht essen. Hochpotenzen sollen jedoch im Halbstundentakt eingenommen werden, bis eine Besserung eintritt. Immer wenn ich zum Wasserglas gegriffen oder einen Blick in den Kühlschrank gewagt habe, musste ich wieder drei bis fünf Kügelchen schlucken oder durfte gerade weder Flüssigkeit noch Essbares zu mir nehmen. An diesem ersten Tag habe ich gleich ein Kilo abgenommen und bin dabei beinahe verdurstet. Die obligate Diät nach Weihnachten werde ich diesmal auslassen und stattdessen eine Globuli-Kur anstreben.

Was mir keine Probleme bereitet hat, war der Verzicht auf Minze. Diese ist angeblich kontraproduktiv, Kaffee übrigens auch. Da hat mir aber meine Homöopathie-Freundin grünes Licht gegeben. Auch sie trinkt Kaffee, und die Globuli wirken trotzdem. Bei ihr. Nicht bei mir. Nach zweitägiger homöopathischer Behandlung waren meine Gliederschmerzen unverändert vorhanden. Dafür wollte meine Familie mich bereits in die Psychiatrie einliefern lassen. Der Teenager hat sogar angeboten, einen passenden Aluhut für mich zu besorgen. Am zweiten Tag habe ich aufgegeben. Gegen Abend tauschte ich die Globuli gegen Gin. Seither geht es mir besser.

Auch unsere Baustelle schreitet voran. Inzwischen haben wir einen neuen Parkettboden bekommen. Die Couch, die in Nachbars Garage zwischengeparkt war, durfte wieder einziehen, und an die sogenannten russischen Luster haben wir uns langsam aber doch gewöhnt. Ende November soll sogar die neue Küche eingebaut werden.

Leben mit der Baustelle

Auch sonst normalisiert sich der Alltag allmählich. Der Göttergatte und ich sind wieder in der Arbeitswelt aufzufinden. Der Teenager macht Distance-Learning, der Kleine geht in die Schule. In Sachen Kulinarik hat sich auch einiges verändert. Der Eier-Verbrauch ist wieder gesunken.  Die Intelligenz übrigens auch. Gestern beim gemeinsamen Fernsehabend bei Star Wars fragt mein Mann plötzlich: „Wer ist denn das?“ Drei Familienmitglieder lachen lauthals los. Es war Darth Vader – bildfüllend. Angeblich sollen die Langzeit- und die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion nicht zu unterschätzen sein. Aber was bitte ist Covid-19???

1 Comment

  1. Christa Strohmüller

    Wie vielen anderen Menschen auch, wäre es mir lieber dass es das Covid-19, – “Cerberus” (der Höllenhund) unter den Viren – so wie ich es nenne, erst gar nicht gäbe… Leider, dich und deine Familie hat es erwischt und doch könnt ihr froh sein, den “Cerberus” zu Hause und nicht im Krankenhaus bezwungen habt! Es ist schön, dass ihr wieder am Weg der Genesung seid, und noch viel schöner, dass ihr trotz schwieriger Situation den Humor nicht verloren habt und du anderen Familien durch deinen Beitrag, vermitteln konntest, wie wichtig der (friedliche) Zusammenhalt in einer Schwierigen ist! Dir, deinem Göttergatten und euren zwei Jungs alles Gute, Christa

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