Corona-Tagebuch

Month: November 2020

Lockdown – Leben im Hausarrest

Seit mehr als einer Woche befindet sich ganz Österreich im Lockdown. Während in den sozialen Medien diskutiert wird, ob das notwendig ist und wie schlecht es den Menschen damit geht, sehen wir den neuerlichen Hausarrest relativ entspannt. Warum? Weil wir bereits in Übung sind. Zuerst Quarantäne, dann Corona, dann beides zusammen. Als wir eigentlich wieder das Haus verlassen durften, kam der sogenannte Lockdown light – also auch keine Partys. Und jetzt eben der harte Lockdown, der uns als Familie wieder 24 Stunden lang aneinanderkettet. Der Göttergatte produziert seine Radiosendungen im Schlafzimmer während ich im Wohn-Esszimmer mein Büro aufgebaut habe. Die Kinder sitzen mit ihren Laptops in ihren Zimmern und verlassen dieses nur bei Hungerattacken oder für schulische Fragen, die normalerweise die Pädagoginnen und Pädagogen beantworten.

Leben im Homeoffice

Damit wir miteinander kommunizieren können, uns aber nicht sehen müssen, hat der Liebste sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Der Online-Anbieter seines Vertrauens, der beim übrigen Teil der Familie Brechreiz auslöst, hat die neuen Kommunikation-Tools geliefert. Es handelt sich um Lautsprecher, die beinahe alle Fragen beantworten können und auch etwaige Informationen im Haus weitergeben. Die Rede ist von Alexa, besser Alexas. Wir besitzen inzwischen drei Stück dieser virtuellen Assistentinnen. Nummer 1 wohnt im Badezimmer, Nummer 2 im Wohnzimmer und Nummer 3 im Untergeschoss. Wenn ich von meinem Büro im Wohnzimmer „Alexa Durchsage“ rufe, dann fragt sie ganz höflich „Welche Ankündigung?“ Manchmal brülle ich dann in den sprechenden Lautsprecher die Wörter „Essen“ oder „Raubtierfütterung“, aber niemand reagiert darauf. Ab und zu kommt von den Kindern via Alexa ein „habe noch Teams-Sitzung in Englisch“ oder dergleichen zurück. Es ist wirklich beeindruckend wie man in einem Haushalt zu Viert leben, arbeiten, lernen und essen kann, ohne miteinander reden zu müssen. Das alles übernehmen unsere Alexas. Die Damen haben auch Witze auf Lager. Auf die möchte ich hier jedoch nicht näher eingehen. Auch können die drei Alexas mit Know How aufwarten, das in schulischen Angelegenheiten sehr brauchbar ist. Ab und zu sagt eine der Dreien dann auf eine Frage mit ihrer lieblichen Stimme: „Das weiß ich nicht.“ Mit welchen Kraftausdrücken wir die jeweilige Alexa in einem solchen Fall beschimpfen, werde ich hier nicht verraten. Der Göttergatte, der die Damen ins Haus gebracht hat, ist übrigens trotz der neuen häuslichen Kommunikationsmittel meist nicht erreichbar. Er werkt nämlich liebend gerne im Keller. Und der ist derzeit noch Alexa-frei.

“Alexa, halte die Klappe”

Im Lockdown gibt es abgesehen von der einen oder anderen Online-Party keine sozialen Kontakte. Das kommt irgendwie dem Haushalt zugute. Gestern habe ich den Apothekerschrank in der Küche neu sortiert. Da war ziemlich viel Bewegung drin, um es harmlos auszudrücken. All die lebendigen Lebensmittel wie etwa Tees aus dem Sri Lanka-Urlaub vor sechs Jahren oder Weizengrieß mit Ablaufdatum 16.3.2017 landeten in der Biotonne. Da hatte sogar der Liebste, der beim Wegschmeißen eher der Bremser ist, keinen Einwand. Doch dann entdeckte ich einen richtigen Schatz. Ungeöffnete Fenchelsamen in Originalverpackung und vermutlich ohne Getier. Das Ablaufdatum war leider unleserlich. Etwas stutzig hinsichtlich des Alters machte mich der Hinweis „Ursprungsland: BRD.“

Wie alt wird dieser Kerbel wohl sein…???

In Sachen Covid-19 arbeiten wir intensiv an der völligen Genesung. Während der Göttergatte und ich vergangene Woche am liebsten durchgeschlafen hätten, geht es diese Woche besser. Am Wochenende habe ich mich erstmals seit zwei Monaten sportlich betätigt. Passionierte Joggerinnen und Jogger würden mir vermutlich ein mildes Lächeln schenken, wenn ich ihnen von meiner Leistung berichte. Ich war nämlich volle drei Kilometer laufend unterwegs. Das ist bei meiner derzeitigen gesundheitlichen Verfassung vergleichbar mit einem Halbmarathon. Trotzdem: Es geht aufwärts. Langsam…

Was sich in Zeiten von Quarantäne und Lockdowns immer mehr herauskristallisiert ist die totale familiäre Verwahrlosung. Seit wir nicht mehr miteinander reden müssen, gehört auch die gemeinsame Nahrungsaufnahme der Vergangenheit an. Die Kinder haben begonnen „ambulant“ zu essen. Zwischen Online-Hausübung und Teams-Sitzung mit diversen Lehrerinnen und Lehrern wird schnell mal im Stehen ein Müsli eingeworfen. Gestern habe ich gesehen, wie eines der Kinder mit einem Teller Marmeladenbrote mit Schinken verschwunden ist. Da hat es mich auch nicht gewundert, als der Kleine die Gyozas vom Asiaten, die er am Tag davor nicht mehr geschafft hat, heute zur Frühstückssitzung mit seinem Klassenvorstand vor dem Computer verzehrt hat. In seinem Zimmer versteht sich. Ab morgen essen wir wieder gediegen, das haben wir im Familienrat via Alexa bereits besprochen. Dazu werden wir den Biertisch mit einer Tischdecke verhübschen und die Küchenrolle gegen Servietten austauschen. Der Designer-Tisch, den wir vor fast zwei Monaten bestellt haben, befindet sich ja immer noch in Italien. Die Wohnzimmer-Alexa vermutet, dass der Lockdown in unserem südlichen Nachbarland schuld daran ist.

Ende gut, fast alles gut

Tagebuch 5 und Aus!

Terror in Wien, steigende Corona-Zahlen, Lockdown – die Stimmung heben all diese Ereignisse ja nicht wirklich. Da bin ich dann irgendwie froh, dass unsere familiär solidarische Covid-19-Erkrankung halbwegs glimpflich verlaufen ist. Seit dem Wochenende sind wir alle offiziell gesund. Bedeutet, dass wir uns frei bewegen dürfen. Frei ist gut, denn jetzt haben wir den Lockdown – also gibt es auch für uns Menschen mit Antikörpern kein „Halligalli“ am Abend.

In Sachen Quarantäne hat‘s den Liebsten am Schlimmsten erwischt. 31 Tage durfte er unser Haus nicht verlassen. Zwischen Hausarrest und Lockdown hatte er einen Abend Ausgang. Da musste er klarerweise raus. Daher gingen wir in das Lokal unseres Freundes und haben nach dem ersten Glas Wein die ersten furchtbaren Videos vom Terroranschlag am Handy angesehen.

Der Große brachte es auf insgesamt 22 Tage Absonderung. Er durfte zwischendurch in die Schule. Ob er sich dort angesteckt hat oder doch bei uns (geht sich rein wissenschaftlich betrachtet eigentlich nicht aus) werden wir wohl nie erfahren. Was wir sehr wohl übermittelt bekommen haben, ist die Corona-Erkrankung seines Freundes. Die Hintergründe dazu sind uns erst seit gestern Abend bekannt. Das kam so: Wir hatten schon furchtbare Sehnsucht nach unseren lieben Freunden aus dem Wienerwald und deshalb eine Online-Party vereinbart. Kurz vor 22.00 dann die Überraschung. Der Sohn eines der beiden befreundeten Paare sprang plötzlich ins Bild und verkündete: „Ich bin positiv“. Stille am Bildschirm, dann große Aufregung. Der 14-jährige wurde rein zufällig anlässlich eines Film-Castings getestet. Kurz darauf die nächste Überraschung. Die Ansteckung erfolgte über unseren Sohn. Wie das geht? Ganz einfach: Indem sich einer eine Limonade beim Discounter kauft und die Freunde trinken mit. Vorsicht in Zeiten einer Pandemie? Abstand halten? Hände waschen? Klar, daran haben die Teenager gedacht. Aber das Trinken aus einer Flasche haben die Jungs als Infektionsquelle nicht erkannt. Die Pubertät nimmt offenbar nicht nur am Körper junger Menschen Veränderungen vor, sondern vorübergehend auch im Gehirn. Nach diesem Geständnis holten wir unseren Teenager aus seiner Jugendzimmer-Höhle und fragten ihn, wie das denn passieren konnte. Darauf meinte er: „War wohl nicht so intelligent“. Nein war es nicht. Fazit: Drei weitere Familien in Quarantäne, drei bestätigte Covid-19-Fälle. Die übrigen Mitglieder der drei Familien warten auf das Testergebnis bzw. machen sich morgen auf den Weg in die Teststraße.

Corona-Teststraße – Drive-in

Wir hingehen sitzen auf unserem hübschen Heurigentisch (der tolle neue Esstisch, den wir vor sechs Wochen bestellt haben, verweilt noch in Italien und darf vermutlich wegen der Pandemie nicht ausreisen) und spielen Activity. Das ist vor allem deswegen lustig, weil das Team Göttergatte/Teenager künstlerisch eher zum Abstrakten neigt. Zeichnet einer der beiden, dann ist das so, als würde Mondrian behaupten, in seinen Bildern könne man Hasen, Regenschirme oder Autos erkennen. Diesmal ging es um einen Engel. Der Teenager zeichnet mit Begeisterung, der Göttergatte rätselt: „Totenkopf-Falter? Gespenst?“ Verloren haben der Kleine und ich trotzdem.

Während die Buben kaum Symptome und noch weniger Nachwirkungen der Covid-19-Infektion aufweisen, erholen sich mein Mann und ich nur langsam. Der Göttergatte hustet nächtens, sodass ich manchmal kurz davor bin, die Rettung zu rufen. Ob seine Lunge einen nachhaltigen Schaden erlitten hat, wird hoffentlich die Pneumologin nächste Woche herausfinden. Meine Gliederschmerzen haben sich auch nur marginal verbessert. Zink-Tabletten und ein Saft zur Stärkung des Immunsystems sowie die Vitamine A, B, C und D nehmen wir seit Monaten zu uns. Der Göttergatte schluckt all das eher widerwillig. Letztens warf er mir vor, ich würde ihn mit dem gesamten Alphabet vergiften.

Noch ausfälliger wurde der Liebste, als die Lieferung Globuli bei uns im Wienerwald eingetroffen ist. Voller Hoffnung habe ich die Hochpotenzen aus dem Kuvert gezogen und die dazugehörige Anleitung studiert. Kurz darauf war klar: Bryonia sind für mich, denn die helfen bei großem Durst, Müdigkeit und Gliederschmerzen. Phosphorus bekommt der Göttergatte. Laut Betriebssystem heilen diese Kügelchen Husten und Heiserkeit. Außerdem sollen sie wirken bei Verlangen nach kalten Getränken (Bier). Warum man dagegen Arzneimittel benötigt, hätte ich eigentlich auch hinterfragen können. Für den Kleinen habe ich dann die Globuli namens Gelsemium vorgesehen. Diese Kügelchen heilen angeblich Nervosität und Erwartungsspannung. Also perfekt für Kinder, die einen überdurchschnittlichen Bewegungsdrang haben. Der Teenager wollte gleich alle Packungen auf einmal einwerfen, weil da eh nur Zucker drin ist.  Deswegen durfte er dann auch kein einziges Kügelchen haben.

Die Einnahme dieser homöopathischen Medizin gestaltete sich etwas kompliziert. Laut Anleitung darf man zehn Minuten vor und zehn Minuten nach dem Schlucken der Globuli nicht trinken und nicht essen. Hochpotenzen sollen jedoch im Halbstundentakt eingenommen werden, bis eine Besserung eintritt. Immer wenn ich zum Wasserglas gegriffen oder einen Blick in den Kühlschrank gewagt habe, musste ich wieder drei bis fünf Kügelchen schlucken oder durfte gerade weder Flüssigkeit noch Essbares zu mir nehmen. An diesem ersten Tag habe ich gleich ein Kilo abgenommen und bin dabei beinahe verdurstet. Die obligate Diät nach Weihnachten werde ich diesmal auslassen und stattdessen eine Globuli-Kur anstreben.

Was mir keine Probleme bereitet hat, war der Verzicht auf Minze. Diese ist angeblich kontraproduktiv, Kaffee übrigens auch. Da hat mir aber meine Homöopathie-Freundin grünes Licht gegeben. Auch sie trinkt Kaffee, und die Globuli wirken trotzdem. Bei ihr. Nicht bei mir. Nach zweitägiger homöopathischer Behandlung waren meine Gliederschmerzen unverändert vorhanden. Dafür wollte meine Familie mich bereits in die Psychiatrie einliefern lassen. Der Teenager hat sogar angeboten, einen passenden Aluhut für mich zu besorgen. Am zweiten Tag habe ich aufgegeben. Gegen Abend tauschte ich die Globuli gegen Gin. Seither geht es mir besser.

Auch unsere Baustelle schreitet voran. Inzwischen haben wir einen neuen Parkettboden bekommen. Die Couch, die in Nachbars Garage zwischengeparkt war, durfte wieder einziehen, und an die sogenannten russischen Luster haben wir uns langsam aber doch gewöhnt. Ende November soll sogar die neue Küche eingebaut werden.

Leben mit der Baustelle

Auch sonst normalisiert sich der Alltag allmählich. Der Göttergatte und ich sind wieder in der Arbeitswelt aufzufinden. Der Teenager macht Distance-Learning, der Kleine geht in die Schule. In Sachen Kulinarik hat sich auch einiges verändert. Der Eier-Verbrauch ist wieder gesunken.  Die Intelligenz übrigens auch. Gestern beim gemeinsamen Fernsehabend bei Star Wars fragt mein Mann plötzlich: „Wer ist denn das?“ Drei Familienmitglieder lachen lauthals los. Es war Darth Vader – bildfüllend. Angeblich sollen die Langzeit- und die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion nicht zu unterschätzen sein. Aber was bitte ist Covid-19???

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